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★★★★★  Grad 5 · sehr stark giftigGermergewächse · Melanthiaceae

Weißer Germer

Veratrum album L.

Eine kräftige Staude der Bergwiesen mit breiten, gefalteten Blättern. Sie gehört zu den giftigsten Pflanzen Mitteleuropas. Gefährlich wird sie vor allem, wenn ihr Wurzelstock mit dem des Gelben Enzians verwechselt wird.

Weißer GermerWeißer Germer
Breite, stark längs gefaltete Blätter mit parallelen Nerven, noch ohne Blütenstand. Botanischer Garten der Ruhr-Universität Bochum.

Toxikologisches Profil

STOFFKLASSESteroidalkaloide
HAUPTTOXINVeratrum-Alkaloide, darunter Protoveratrine und Jervin
WIRKTYPNervengift · Herzgift | hält Natriumkanäle offen
Giftige Teilealle, besonders der Wurzelstock
BlüteJuni bis August
FruchtreifeAugust bis September
StandortBergwiesen und Almen der Alpen und Voralpen; bei uns in Botanischen Gärten

Botanisches Profil

Ausdauernde Staude, 50 bis 150 Zentimeter hoch. Die Blätter sind breit-elliptisch, stark längs gefaltet und wechselständig angeordnet, die Nerven verlaufen parallel. Die Unterseite ist fein behaart. Im Sommer erscheinen weißlich-grüne Blüten in großen, aufrechten Rispen.

MerkmalWeißer GermerGelber Enzian
Blattstellungwechselständiggegenständig
Blattunterseitefein behaartkahl
Blütenweißlich-grün, in Rispengelb, in Quirlen

Wozu die Pflanze das Gift hat

Die Alkaloide schützen die Pflanze so wirksam vor Fraß, dass Weidetiere sie meist stehen lassen. Auf Almen bildet der Weiße Germer deshalb oft große Bestände, die übrig bleiben, wenn das Gras ringsum abgefressen ist.

Vom Molekül zum Symptom

Die Veratrum-Alkaloide verhindern, dass sich spannungsabhängige Natriumkanäle wieder schließen. Nerven- und Herzmuskelzellen bleiben dadurch anhaltend erregt.[1] Über Reflexe aus Herz und Lunge sinken Herzfrequenz und Blutdruck. Das Bild ähnelt der Vergiftung mit dem Blauen Eisenhut, der an denselben Kanälen angreift. Ein spezifisches Gegenmittel gibt es nicht; behandelt wird gegen die Beschwerden, bei langsamem Herzschlag etwa mit Atropin.[1]

Klinisches Bild

  • Nach 15 bis 30 Minuten
    • Brennen in Mund und Rachen
    • wiederholtes Erbrechen, Durchfall
  • Danach
    • verlangsamter Herzschlag, Blutdruckabfall
    • Untertemperatur, Schwindel
  • Bei schwerer Vergiftung
    • Herzrhythmusstörungen
    • Kreislaufversagen

Vom Gift zum Medikament

Bis zum Molekül: Veratrum-Alkaloide wurden früher als Blutdruckmittel eingesetzt. Wegen der geringen Spanne zwischen wirksamer und giftiger Dosis werden sie heute nicht mehr verwendet. In der Liste der zwölf Giftpflanzen, die das Deutsche Ärzteblatt allen Ärztinnen und Ärzten zur Kenntnis empfiehlt, steht der Germer neben Eisenhut, Eibe und Herbst-Zeitlose.[1]

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Wendt S, Lübbert C, Begemann K, Prasa D, Franke H: Vergiftungen durch Pflanzen. Deutsches Ärzteblatt International 2022; 119: 317–24.
  2. Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
  3. Rothmaler W (Begr.): Exkursionsflora von Deutschland. Gefäßpflanzen: Atlasband. 14. Auflage, Springer Spektrum 2025.

Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.