Bis zum Studium hatte ich keine Ahnung von Pflanzen.
Ich war von Schlangen fasziniert. Heute bleibe ich an jeder Straßenecke stehen, weil dort irgendwo eine Giftpflanze wächst. Das hier ist die Geschichte dazwischen.

Wie kann etwas so Kleines so viel anrichten?
Dinosaurier, Greifvögel, Reptilien – ich habe eine Weile gebraucht, bis ich gefunden hatte, was mich wirklich packt. Dann waren es die Gifttiere. Ein unscheinbares Tier, ein paar Milligramm Gift, und ein ganzer Organismus fällt aus. Diese Frage hat mich nicht mehr losgelassen. Den wissenschaftlichen Blick darauf habe ich aus meiner Familie mitbekommen – Naturwissenschaft lag bei uns sozusagen in der Luft.
Mit 13, 14 habe ich angefangen, Studien über Schlangengifte zu lesen. Richtig angefangen hat es mit dem Inlandtaipan, Oxyuranus microlepidotus – die Schlange, die als giftigste Landschlange der Welt gilt. Ich wollte verstehen, warum.
Das war oft frustrierend. Nächtelang Paper, jeden medizinischen Fachbegriff einzeln nachschlagen, Mechanismen im Körper verstehen, die mir niemand erklärt hatte. Und manchmal widersprachen sich die Studien über die Inhaltsstoffe einfach. Kein Mentor, keine Uni, niemand zum Fragen. Aufgehört habe ich trotzdem nicht.

Ein Hunger, der geblieben ist
Mit 15, 16 hatte ich eine schwere Schulzeit. Statt Gedichtanalysen habe ich Fachartikel gelesen – und dabei vor allem mich selbst gefunden.
Ich wollte andere dafür begeistern. Aber in meinem Umfeld hatte niemand etwas mit dem Thema zu tun. Ich konnte erzählen, nur zuhören konnte kaum jemand. Bei ein paar Menschen, die offener waren, habe ich trotzdem etwas ausgelöst: biologische Neugier. Dieses Gefühl, jemanden mit einer Frage anzustecken, wollte ich wieder haben. Das will ich bis heute.
Mein Abitur habe ich mit der Unterstützung von Menschen geschafft, die nur das Beste für mich wollten – und mit Ehrgeiz. Ich hatte zum ersten Mal ein Ziel.
Pflanzen? Die stehen doch nur rum.
Mit 19 bin ich nach Bochum gezogen und habe an der Ruhr-Universität angefangen, Biologie zu studieren. Mein Schlangengiftwissen half mir dort erst einmal wenig – in Deutschland ist das kaum ein Forschungsthema.
Dann kam das zweite Semester und mit ihm die Botanik. Dinger, die sich nicht bewegen, herumstehen und einfach existieren. Unter Biologiestudierenden ist das eines der unbeliebtesten Fächer. Ich glaube inzwischen: Das liegt nicht an den Pflanzen. Es liegt daran, wie man sie erzählt.
Bei mir hat es klick gemacht, als ich das, was ich kannte, mit dem Neuen verbunden habe: Gifte und Pflanzen. Ausgelöst haben es zwei Arten – der Blaue Eisenhut und der Rote Fingerhut. Der eine trägt eines der stärksten Pflanzengifte Europas, der andere hat uns eines der ältesten Herzmedikamente geschenkt. Pflanzengifte funktionieren völlig anders als Schlangengifte – kleinere Moleküle, andere Angriffsorte, eine eigene Logik. Ich musste alles neu lernen. Bestimmungsübungen und Herbarium haben mir die Vielfalt gezeigt, die Studien den Rest. Meine Freunde an der Uni habe ich damit genervt. Inzwischen bin ich für sie einfach „der mit den Giftpflanzen“. Das passt.
Was ich seitdem überall sehe
Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich drei Dinge. Viele Giftpflanzen bemerkt niemand. Andere werden aus Angst herausgerissen. Und viele sind längst unter uns – nur in anderer Form:
- Digoxin aus dem Wolligen Fingerhut – im Herzmedikament
- Cytisin aus dem Gewöhnlichen Goldregen – in der Rauchentwöhnung
- Paclitaxel, ursprünglich aus der Rinde der Pazifischen Eibe – in der Krebstherapie
- Colchicin aus der Herbst-Zeitlose – gegen Gicht
Die Natur baut einige der wirksamsten Moleküle, die wir kennen. Das ist für mich das eigentlich Spannende: dass derselbe Stoff schadet oder hilft – je nach Dosis und je nachdem, wie viel man von ihm versteht.
Samen, Fotos und ein Buch
Meine ersten Samen habe ich geschenkt bekommen: die auffällig marmorierten Samen des Wunderbaums (Rizinus), Ricinus communis. Damit fing es an. Heute liegen in meiner Sammlung Samen von elf Giftpflanzenarten. Die Pflanze finden, die Samen sauber aus der Frucht lösen, reinigen, beschriften – das hat etwas Meditatives und verlangt Präzision. Jede Art, die ich finde, fotografiere ich.



Irgendwann war die Begeisterung so groß, dass ich ein Buch daraus mache: Heimische Giftpflanzen, 90 Arten der deutschen Flora, jede bis ins Detail. Ich will diesen Pflanzen die Bedeutung geben, die sie verdienen – und Leserinnen und Leser selbst zu Kennern machen.
Wie ich arbeite
- Erst Ökologie, dann Molekül. Ich will nicht nur sagen, dass etwas giftig ist, sondern wozu die Pflanze den Stoff hat und warum er bei uns wirkt.
- Belegt statt behauptet. Was über Lehrbuchwissen hinausgeht, ist mit Literatur belegt. Fallbeispiele stammen aus veröffentlichten Studien.
- Gebildeter, nicht ängstlicher. Die meisten Pflanzenkontakte gehen glimpflich aus. Wer mit Mord und Vergiftung anfängt, hinterlässt nur Angst.
- Unsicherheit wird benannt. Nomenklatur nach Rothmaler; im Zweifel bestimme ich nur bis zur Gattung, statt eine Art zu behaupten.
- Keine Anleitungen. Keine Heilaussagen, keine Dosierungen, keine Zubereitungen.