Echte Tollkirsche
Eine kräftige Staude an Waldrändern und Kahlschlägen, im Spätsommer mit glänzend schwarzen, kirschgroßen Beeren. Sie schmecken süßlich – genau das macht sie für Kinder gefährlich.

| Hauptgifte | L-Hyoscyamin und Scopolamin |
|---|---|
| Stoffklasse | Alkaloide (Tropan-Typ) |
| Wirktyp | Neurotoxin – blockiert muskarinische Acetylcholinrezeptoren |
| Giftige Teile | alle, besonders Wurzel, Blätter und Beeren |
| Fruchtreife | August bis Oktober |
| Standort | Waldlichtungen, Kahlschläge, Waldränder, oft auf Kalk |
Erkennen
Bis zu 1,5 Meter hohe, buschig verzweigte Staude mit großen, ganzrandigen Blättern. Die Blüten sind glockenförmig und braunviolett. Die Frucht ist eine glänzend schwarze, kirschgroße Beere, die einzeln in einem auffälligen, sternförmig ausgebreiteten grünen Kelch sitzt.
| Merkmal | Echte Tollkirsche | Heidelbeere |
|---|---|---|
| Wuchs | Staude, bis 1,5 m hoch | Zwergstrauch, kniehoch |
| Frucht | glänzend schwarz, kirschgroß, einzeln | blau bereift, erbsengroß, viele |
| Kelch | grüner, fünfzipfliger Stern unter der Beere | kleiner Kranz oben auf der Beere |




Fotos: Benjamin Varbelow
Wozu die Pflanze das Gift hat
Tropanalkaloide schützen die Pflanze vor Fraß, vor allem durch Säugetiere. Die süßlichen Beeren sind trotzdem für Tiere gemacht: Amseln und andere Vögel fressen sie und verbreiten die Samen, ohne selbst Schaden zu nehmen. Manche Kaninchen besitzen sogar ein eigenes Enzym, die Atropinesterase, mit dem sie das Gift abbauen. Wieder gilt: Giftig ist eine Beziehung, keine Eigenschaft.
Was im Körper passiert
Atropin und Scopolamin besetzen die muskarinischen Acetylcholinrezeptoren, ohne sie zu aktivieren. Der Botenstoff kommt nicht mehr an. Betroffen ist vor allem der Parasympathikus, der Speichelfluss, Schweiß, Verdauung, Pupille und Herzschlag bremst.
Fällt diese Bremse aus, entsteht das spiegelbildliche Muster zur Nikotinwirkung: trocken statt feucht, weit statt eng, schnell statt langsam. Medizinstudierende lernen es mit einem alten Merkspruch: rot wie ein Krebs, heiß wie ein Ofen, trocken wie ein Knochen, blind wie ein Maulwurf, toll wie ein Hutmacher.
Typischer Verlauf
- Rascher Beginn
- oft innerhalb von 30 Minuten bis wenigen Stunden
- trockener Mund, Schluckbeschwerden
- weite Pupillen, verschwommenes Sehen, Lichtempfindlichkeit
- Anticholinerges Syndrom
- gerötete, heiße, trockene Haut
- Herzrasen
- Unruhe, Verwirrtheit, Halluzinationen
- Schwere Verläufe
- Fieber, Krampfanfälle
- Bewusstlosigkeit
Die Geschichte dahinter
Carl von Linné gab ihr den Gattungsnamen Atropa – nach Atropos, der Schicksalsgöttin, die den Lebensfaden durchschneidet. Der Artname bella-donna, „schöne Frau“, erzählt die andere Hälfte: In der Renaissance sollen sich Frauen Pflanzensaft in die Augen geträufelt haben, weil weite Pupillen als schön galten. Beides beruht auf demselben Mechanismus. Und Atropin selbst ist heute ein unverzichtbares Notfallmedikament.
Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.
Quellen
- Chan TYK: Worldwide occurrence and investigations of contamination of herbal medicines by tropane alkaloids. Toxins 2017; 9: 284.
- Lee MR: Solanaceae IV: Atropa belladonna, deadly nightshade. Journal of the Royal College of Physicians of Edinburgh 2007; 37: 77–84.
- Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
Kurzprofil aus dem Buchprojekt Heimische Giftpflanzen. Mengenangaben, Zubereitung und Behandlung sind bewusst nicht enthalten.
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