Wunderbaum (Rizinus)
Bei uns eine einjährige Zierpflanze mit großen, oft rötlichen Blättern und stacheligen Fruchtständen. In den Samen steckt Ricin, eines der giftigsten Eiweiße, die wir kennen.

Toxikologisches Profil
| STOFFKLASSE | Lektine (Ribosomen-inaktivierende Proteine, Typ II) |
|---|---|
| HAUPTTOXIN | Ricin (Glykoprotein, ca. 64 kDa) |
| WIRKTYP | Cytotoxin | Depurinierung der 28S-rRNA → Stopp der Proteinbiosynthese |
| Giftige Teile | vor allem die Samen, wenn sie zerkaut werden |
|---|---|
| Nicht giftig | Rizinusöl: Ricin bleibt beim Pressen im Rückstand |
| Blüte | Juli bis Oktober |
| Herkunft | vermutlich Nordostafrika; bei uns einjährig als Zierpflanze |
Botanisches Profil
Bei uns ein bis zwei Meter hohe, einjährige Pflanze, in den Tropen ein mehrjähriger Strauch. Die Blätter sind groß, handförmig gelappt und gesägt, je nach Sorte grün oder rotbraun. Männliche und weibliche Blüten sitzen an derselben Rispe: oben die weiblichen mit roten Narben, unten die männlichen mit gelben Staubbeuteln. Die stacheligen Kapseln enthalten je drei Samen, glänzend und marmoriert wie eine vollgesogene Zecke.



Fotos: Benjamin Varbelow
Wozu die Pflanze das Gift hat
Jeder Samen trägt an der Spitze ein weißliches Anhängsel, die Caruncula. Sie ist fett- und eiweißreich und lockt Ameisen an, die die Samen verschleppen. Das Ricin bleibt dabei im harten Samen eingeschlossen. Wer den Samen nur als Transportgut behandelt, kommt mit dem Gift nicht in Berührung.
Vom Molekül zum Symptom
Ricin besteht aus zwei Ketten. Die B-Kette bindet an zuckerhaltige Strukturen auf der Zelloberfläche und schleust das Molekül in die Zelle. Über den Golgi-Apparat und das endoplasmatische Retikulum gelangt die A-Kette ins Zellplasma. Dort entfernt sie als Enzym eine einzige Base, ein Adenin, aus der ribosomalen RNA. Das Ribosom kann danach keine Proteine mehr herstellen.
Weil die A-Kette ein Enzym ist, legt ein einziges Molekül nacheinander sehr viele Ribosomen still. Die Zelle stirbt. Das erklärt die Pause am Anfang: Es dauert, bis der Eiweißmangel zum Zelltod führt. Ganz verschluckte Samen mit unversehrter Schale passieren den Darm dagegen oft unverdaut, gefährlich wird es beim Zerkauen.
Klinisches Bild
- Beschwerdefreie Latenz
- meist mehrere Stunden ohne Beschwerden
- Magen-Darm-Phase
- Übelkeit, heftiges Erbrechen, Bauchkrämpfe
- Durchfall, oft blutig
- starker Flüssigkeitsverlust
- Schwere Verläufe, nach Tagen
- Kreislaufversagen
- Schäden an Leber und Nieren
Vom Gift zum Medikament
Die Geschichte dahinter
Im September 1978 wartet der bulgarische Schriftsteller Georgi Markow in London an einer Bushaltestelle, als er einen Stich im Oberschenkel spürt. Ein Mann mit Regenschirm entschuldigt sich und verschwindet. Vier Tage später ist Markow tot. Bei der Obduktion findet sich ein winziges Metallkügelchen im Gewebe, vermutlich gefüllt mit Ricin. Seitdem gilt Ricin als Inbegriff des Agentengifts. Heute steht es auf der Liste der Chemiewaffenkonvention.
Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.
Quellen
- Audi J, Belson M, Patel M, Schier J, Osterloh J: Ricin poisoning: a comprehensive review. JAMA 2005; 294: 2342–51.
- Bradberry SM, Dickers KJ, Rice P, Griffiths GD, Vale JA: Ricin poisoning. Toxicological Reviews 2003; 22: 65–70.
- Tunaru S, Althoff TF, Nüsing RM, Diener M, Offermanns S: Castor oil induces laxation and uterus contraction via ricinoleic acid activating prostaglandin EP3 receptors. PNAS 2012; 109: 9179–84.
Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.
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Blüht duftend im Februar, noch vor den Blättern. Seine roten Beeren und die Rinde brennen wie Feuer.

Engelstrompeten
Riesige, hängende Trompetenblüten auf Terrassen und in Gärten. Ihr Scopolamin wirkt bis ins Gehirn.