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Nachtschattengewächse · Solanaceae

Virginischer Tabak

Nicotiana tabacum L.
Grad 3 · stark toxisch

Als Kulturpflanze bekannt, im Garten oft als Ziertabak mit duftenden Blüten. Der häufigste Vergiftungsfall ist heute aber nicht die Pflanze, sondern eine verschluckte Zigarettenkippe.

Virginischer TabakVirginischer Tabak
HauptgiftNikotin
StoffklasseAlkaloide (Pyridin-Typ)
WirktypNeurotoxin – Agonist an nikotinischen Acetylcholinrezeptoren, dann depolarisierende Blockade
Giftige Teilealle, besonders die Blätter
BlüteJuli bis September
Im GartenZiertabak-Arten wie Nicotiana alata und N. sylvestris

Erkennen

Hochwüchsige, einjährige Pflanze mit großen, klebrig behaarten Blättern. Röhrenförmige Blüten, beim Kulturtabak rosa, beim Ziertabak oft weiß und abends stark duftend. Die klebrigen Drüsenhaare enthalten selbst Nikotin.

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Nikotin ist ein natürliches Insektizid. Es trifft die nikotinischen Acetylcholinrezeptoren im Nervensystem von Insekten – genau deshalb wurden Tabakextrakte lange als Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Wird die Pflanze angefressen, bildet sie verstärkt Nikotin nach. Einige Spezialisten wie die Raupe des Tabakschwärmers haben gelernt, es zu vertragen. Das Wettrüsten ist bis heute im Gange.

Was im Körper passiert

Nikotin bindet an nikotinische Acetylcholinrezeptoren – Ionenkanäle an Muskeln, in Nervenknoten und im Gehirn, die eigentlich auf Acetylcholin reagieren. Anders als Acetylcholin wird Nikotin nicht sofort abgebaut. Die Rezeptoren werden erst übermäßig aktiviert, dann bleiben sie dauerhaft depolarisiert und sind blockiert.

Daraus folgt der zweiphasige Verlauf: zuerst Übererregung – Speichelfluss, Erbrechen, Herzrasen –, dann Ausfall bis zur Lähmung der Atemmuskulatur. Dasselbe Prinzip zeigt das Cytisin des Goldregens, das am gleichen Rezeptor angreift.

Typischer Verlauf

  • Rascher Beginn
    • Minuten bis wenige Stunden
    • Übelkeit, Erbrechen, starker Speichelfluss, Schwitzen
    • Blässe, Zittern, Herzrasen
  • Schwere Verläufe
    • Krämpfe
    • Muskelschwäche bis zur Atemlähmung
Bis zum Molekül: Nikotin geht auch durch die Haut. Erntehelfer, die nasse Tabakblätter von Hand pflücken, bekommen deshalb die „Grüne Tabakkrankheit“ – Übelkeit, Schwindel und Erbrechen ohne einen einzigen Zug geraucht zu haben.

Die Geschichte dahinter

Um 1560 schickte der französische Gesandte in Lissabon, Jean Nicot, Tabak an den französischen Hof – als Heilmittel. Linné benannte die Gattung später nach ihm, und mit ihr den Stoff, der 1828 erstmals rein dargestellt wurde: Nikotin. So trägt eines der bekanntesten Pflanzengifte der Welt den Namen eines Diplomaten.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Pérez EG, Méndez-Gálvez C, Cassels BK: Cytisine: a natural product lead for the development of drugs acting at nicotinic acetylcholine receptors. Natural Product Reports 2012; 29: 555–67.
  2. McBride JS et al.: Green tobacco sickness. Tobacco Control 1998; 7: 294–98.
  3. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Informationen zu Vergiftungen durch Tabakprodukte bei Kindern.

Kurzprofil aus dem Buchprojekt Heimische Giftpflanzen. Mengenangaben, Zubereitung und Behandlung sind bewusst nicht enthalten.