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★★★★☆  Grad 4 · stark giftigNachtschattengewächse · Solanaceae

Engelstrompeten

Brugmansia

Riesige, hängende Trompetenblüten, die abends betörend duften: als Kübelpflanze auf Terrassen und in Gärten beliebt. Alle Teile enthalten Tropanalkaloide, vor allem Scopolamin.

EngelstrompetenEngelstrompeten
Weiße, hängende Trompetenblüten. Botanischer Garten der Ruhr-Universität Bochum.

Toxikologisches Profil

STOFFKLASSEAlkaloide (Tropan-Typ)
HAUPTTOXINScopolamin · Hyoscyamin
WIRKTYPNeurotoxin | Blockade muskarinischer Acetylcholinrezeptoren, auch im Gehirn
Giftige Teilealle, besonders Blüten, Blätter und Samen
BlüteSommer bis Herbst, im Kübel bis zum ersten Frost
HerkunftSüdamerika, vor allem die Anden; in freier Natur ausgestorben, nur noch in Kultur
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Anfragen beim Giftnotruf – so oft wurde das Giftinformationszentrum Erfurt von 2010 bis 2019 wegen die Gattung Engelstrompete angerufen. 23,7 % der Fälle verliefen ohne Beschwerden, bei 31 (27,2 %) traten mittelschwere oder schwere Beschwerden auf. Wie häufig sind Vergiftungen? →

Botanisches Profil

Strauch oder kleiner Baum mit großen, weichen, oft behaarten Blättern. Die Trompetenblüten sind oft 20 bis 30 cm lang und hängen nach unten. Je nach Art und Sorte sind sie weiß, gelb, apricot oder rosa und duften abends oft stark. Der Kelch ist lang und röhrig. Die Früchte sind länglich und glatt.

Im Handel sind fast nur Hybriden und Sorten, deshalb steht hier die Gattung.

MerkmalEngelstrompeteStechapfel
WuchsStrauch oder Bäumchen, mehrjährigKraut, einjährig
Blütenhängendaufrecht
Fruchtlänglich, glattkugelig, stachelig

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Weiße, abends duftende Engelstrompeten werden in ihrer Heimat von Nachtfaltern bestäubt, rote Arten von Kolibris. In freier Natur gelten alle Arten als ausgestorben, sie überleben nur in Kultur. Eine Erklärung, die diskutiert wird: Die ursprünglichen Samenverbreiter, möglicherweise große Säugetiere, starben aus, und seitdem verbreitet nur noch der Mensch die Pflanzen.

Vom Molekül zum Symptom

Scopolamin und Hyoscyamin besetzen die muskarinischen Acetylcholinrezeptoren, ohne sie zu aktivieren. Der Botenstoff kommt nicht mehr an, der Parasympathikus fällt aus: Speichel, Schweiß und Verdauung versiegen, Pupille und Herzschlag sind nicht mehr gebremst. Das ist dasselbe Muster wie bei der Echten Tollkirsche.

Der Unterschied liegt im Gehirn. Scopolamin, das bei den Engelstrompeten überwiegt, gelangt besonders leicht über die Blut-Hirn-Schranke. Deshalb stehen Verwirrtheit, Halluzinationen und Gedächtnislücken stärker im Vordergrund. Wer Pflanzensaft an den Fingern hat und sich die Augen reibt, bekommt oft eine einseitig weite Pupille, ein Befund, der in der Notaufnahme schnell falsch gedeutet wird.

Klinisches Bild

  • Rascher Beginn
    • trockener Mund, Schluckbeschwerden
    • weite Pupillen, verschwommenes Sehen
    • Herzrasen, gerötete, trockene Haut
  • Zentrale Wirkung
    • Unruhe, Verwirrtheit, Halluzinationen
    • Gedächtnislücken für die Zeit der Vergiftung
  • Nur am Auge
    • einseitig weite, lichtstarre Pupille, wenn Pflanzensaft ins Auge gerieben wurde

Vom Gift zum Medikament

Bis zum Molekül: Scopolamin wird als Pflaster gegen Reisekrankheit eingesetzt. Hängt man an das Molekül eine Butylgruppe, entsteht Butylscopolamin: Es gelangt nicht mehr ins Gehirn und entspannt nur noch die Muskulatur von Magen, Darm und Gallenwegen, ein verbreitetes Mittel gegen krampfartige Bauchschmerzen. Gewonnen wird Scopolamin für die Industrie übrigens nicht aus Engelstrompeten, sondern aus australischen Duboisia-Arten.

Die Geschichte dahinter

Benannt ist die Gattung nach dem niederländischen Naturforscher Sebald Justinus Brugmans. In den Anden werden Engelstrompeten seit Jahrhunderten von Heilern rituell verwendet, ein Gebrauch, der in Europa als Rauschmittel immer wieder zu schweren Vergiftungen führt.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
  2. Wendt S, Lübbert C, Begemann K, Prasa D, Franke H: Vergiftungen durch Pflanzen. Deutsches Ärzteblatt International 2022; 119: 317–24.

Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.