Maiglöckchen
Im Mai duftende weiße Glöckchen, im Spätsommer rote Beeren. Alle Teile enthalten Herzglykoside, darunter Convallatoxin. Im Frühjahr wird es mit Bärlauch verwechselt.

Toxikologisches Profil
| STOFFKLASSE | Herzglykoside (Cardenolide) |
|---|---|
| HAUPTTOXIN | Convallatoxin |
| WIRKTYP | Cardiotoxin | Na⁺/K⁺-ATPase-Inhibition (Cardenolid) |
| Giftige Teile | alle, besonders Blüten und Samen; auch das Blumenwasser |
|---|---|
| Blüte | Mai bis Juni |
| Fruchtreife | August bis September |
| Standort | Laubwälder, oft auf Kalk; häufig in Gärten |
Botanisches Profil
Ausdauernde Staude mit kriechendem Wurzelstock. Meist zwei breit-elliptische, ganzrandige Blätter, die am Grund ineinander stecken und den Blütenstängel umfassen. Die Blattunterseite glänzt. Weiße, nickende, stark duftende Glockenblüten in einer einseitigen Traube. Im Spätsommer kugelige, rote Beeren.
| Merkmal | Maiglöckchen | Bärlauch |
|---|---|---|
| Blätter | meist zu zweit, am Grund ineinander steckend | einzeln, jedes Blatt mit eigenem Stiel |
| Blattunterseite | glänzend | matt |
| Geruch | keiner | Knoblauch, aber unzuverlässig, die Finger riechen nach dem ersten Blatt |
| Blüte | weiße Glöckchen in einseitiger Traube | weiße Sterne in einer Dolde |






Fotos: Benjamin Varbelow
Wozu die Pflanze das Gift hat
Die roten Beeren werden von Vögeln gefressen, die die Samen verbreiten. Daneben breitet sich das Maiglöckchen vor allem unterirdisch aus: Ein einziger Bestand kann aus einem weit verzweigten Wurzelstock bestehen, der über Jahrzehnte wächst.
Vom Molekül zum Symptom
Convallatoxin hemmt die Natrium-Kalium-ATPase, die Ionenpumpe der Zellmembran, genau wie Digoxin aus dem Fingerhut. In der Herzmuskelzelle steigt dadurch das Natrium, der Natrium-Calcium-Austauscher arbeitet schlechter, und Calcium sammelt sich an. Erst schlägt das Herz kräftiger, bei stärkerer Hemmung unregelmäßig.
Dass schwere Vergiftungen trotzdem selten sind, liegt an der Aufnahme: Aus dem Darm gelangt nur ein kleiner Teil ins Blut, und Erbrechen setzt oft früh ein.
Klinisches Bild
- Magen-Darm
- Übelkeit, Erbrechen, Durchfall
- Bauchschmerzen
- Bei größeren Mengen
- verlangsamter oder unregelmäßiger Herzschlag
- Schwindel, Sehstörungen
Vom Gift zum Medikament
Die Geschichte dahinter
Kaum ein Duft ist bekannter, und doch stammt das Maiglöckchenaroma in Parfüms fast immer aus dem Labor: Aus den Blüten lässt sich kaum ätherisches Öl gewinnen. Die Duftchemie musste den Geruch nachbauen.
Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.
Quellen
- Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
- Wendt S, Lübbert C, Begemann K, Prasa D, Franke H: Vergiftungen durch Pflanzen. Deutsches Ärzteblatt International 2022; 119: 317–24.
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Verbraucherinformationen zur Verwechslung von Bärlauch mit giftigen Pflanzen.
Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.
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