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Heidekrautgewächse · Ericaceae

Pontische Azalee

Rhododendron luteum Sweet
Grad 3 · stark toxisch

Ein sommergrüner Strauch mit leuchtend gelben, stark duftenden Blüten – in Parks und Gärten im Ruhrgebiet verbreitet, stellenweise verwildert. Ihr Gift steckt sogar im Nektar.

Pontische AzaleePontische Azalee
HauptgiftGrayanotoxin I–III
StoffklasseDiterpene (Grayanotoxine)
WirktypNeurotoxin · Cardiotoxin – hält spannungsabhängige Natriumkanäle offen
Giftige Teilealle, besonders Blätter, Blüten und Nektar – auch Honig aus diesem Nektar
BlüteApril bis Juni
HerkunftNordosttürkei und Kaukasus; bei uns in Parks und Gärten, stellenweise verwildert

Erkennen

Ein bis vier Meter hoher Strauch, der im Winter sein Laub verliert. Die länglich-elliptischen Blätter sind beidseitig behaart und färben sich im Herbst leuchtend orange bis rot. Die goldgelben Trichterblüten stehen in endständigen Büscheln, duften stark und sind außen klebrig; fünf lange Staubblätter ragen weit heraus.

MerkmalPontische AzaleePontischer Rhododendron
Laubsommergrün, weich, behaartimmergrün, ledrig, kahl
Blütegoldgelb, stark duftendviolett bis lila, kaum Duft
WissenschaftlichRhododendron luteumRhododendron ponticum
Giftig?ja, Grayanotoxineja – Hauptquelle für „Mad Honey“

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Grayanotoxine schützen Blätter und Blüten vor Fraß – Weidetiere wie Schafe und Ziegen vergiften sich daran. Ungewöhnlich ist, dass das Gift auch im Nektar steckt, also in der Belohnung für Bestäuber. Eine mögliche Erklärung: Der Nektar wirkt als Filter. Untersuchungen an der verwandten Art Rhododendron ponticum zeigen, dass er für Honigbienen und manche Wildbienen schädlich ist, Hummeln dagegen kaum beeinträchtigt. Die Pflanze würde damit genau die Besucher auswählen, die sie am besten bestäuben.

Was im Körper passiert

Grayanotoxine binden an spannungsabhängige Natriumkanäle – an dieselbe Stelle wie das Aconitin des Blauen Eisenhuts – und halten sie in der offenen Form fest. Die Membran bleibt depolarisiert, normale Aktionspotenziale werden unmöglich.

Am Herzen kommt eine zweite Wirkung hinzu: Über den Vagusnerv wird der Herzschlag stark gebremst. Deshalb hilft in vielen Fällen Atropin – das Gift der Echten Tollkirsche löst diese Bremse wieder. Zwei Giftpflanzen, ein Botenstoffsystem.

Typischer Verlauf

  • Rascher Beginn
    • oft innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden
    • Übelkeit, Erbrechen, starker Speichelfluss
    • Schwindel, Kribbeln
  • Kardiale Phase
    • stark verlangsamter Herzschlag
    • Blutdruckabfall, Bewusstseinsstörungen
    • Überleitungsstörungen bis zum AV-Block
  • Verlauf
    • bei rascher Behandlung meist Erholung innerhalb von 24 Stunden
Bis zum Molekül: Im Honig ist das Gift weder zu sehen noch zu schmecken. „Mad Honey“ aus der Schwarzmeerregion wird bis heute gehandelt, auch online – und Vergiftungsfälle mit solchem Honig sind in der Fachliteratur gut beschrieben.

Die Geschichte dahinter

Im Jahr 401 v. Chr. zogen die „Zehntausend“, ein griechisches Söldnerheer, auf dem Rückzug an die Schwarzmeerküste. Xenophon, einer ihrer Anführer, beschreibt in der Anabasis, was geschah, als die Soldaten dort wilden Honig aßen: Wer wenig gegessen hatte, wirkte betrunken, wer viel gegessen hatte, wie von Sinnen oder dem Tode nah. Das Lager sah aus wie nach einer verlorenen Schlacht. Nach ein bis zwei Tagen standen die Männer wieder auf.

Gut 300 Jahre später soll aus demselben Honig eine Waffe geworden sein: Der Geograf Strabon berichtet, dass Bewohner der Region römischen Soldaten des Pompeius Honig in den Weg stellten und die berauschten Männer anschließend überfielen. Bis heute wird dieser Honig als deli bal – „verrückter Honig“ – in der Schwarzmeerregion verkauft.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Jansen SA et al.: Grayanotoxin poisoning: ‘mad honey disease’ and beyond. Cardiovascular Toxicology 2012; 12: 208–15.
  2. Gunduz A et al.: Clinical review of grayanotoxin/mad honey poisoning past and present. Clinical Toxicology 2008; 46: 437–42.
  3. Tiedeken EJ et al.: Nectar chemistry modulates the impact of an invasive plant on native pollinators. Functional Ecology 2016; 30: 885–93.
  4. Xenophon: Anabasis, Buch IV, Kapitel 8.

Kurzprofil aus dem Buchprojekt Heimische Giftpflanzen. Mengenangaben, Zubereitung und Behandlung sind bewusst nicht enthalten.