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Hülsenfrüchtler · Fabaceae

Gewöhnlicher Goldregen

Laburnum anagyroides Medik.
Grad 4 · potenziell letal

Im Mai hängen goldgelbe Blütentrauben von Zierbäumen in Gärten, Parks und auf Spielplätzen. Im Sommer folgen Hülsen, die aussehen wie Erbsenschoten – und genau darin liegt das Risiko.

Gewöhnlicher GoldregenGewöhnlicher Goldregen
HauptgiftCytisin
StoffklasseAlkaloide (Quinolizidin-Typ)
WirktypNeurotoxin – aktiviert nikotinische Acetylcholinrezeptoren, dann depolarisierende Blockade
Giftige Teilealle, am meisten die Samen
BlüteApril bis Juni
FrüchteJuli bis Oktober, oft bis in den Winter am Baum

Erkennen

Drei bis sieben Meter hoher Strauch oder kleiner Baum mit glatter, olivgrüner Rinde. Die Blätter sind dreizählig wie beim Klee, die Blättchen elliptisch und unterseits anliegend behaart. Goldgelbe Schmetterlingsblüten hängen in 10–25 cm langen Trauben; auf der Fahne sitzen feine braune Striche. Danach entstehen flache, behaarte Hülsen mit mehreren dunklen Samen.

MerkmalGewöhnlicher GoldregenGewöhnliche Robinie
Blütenfarbegoldgelbweiß
Blätterdreizählig, wie Kleegefiedert, mit vielen Blättchenpaaren
Zweigeohne Dornenmit paarigen Dornen
Giftig?ja, Cytisinebenfalls – Rinde und Samen

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Quinolizidin-Alkaloide sind der chemische Schutz vieler Hülsenfrüchtler gegen Fraßfeinde. Am höchsten ist ihr Gehalt in den Samen – dem Teil, in den die Pflanze am meisten investiert. Wie wirksam dieser Schutz ist, zeigt eine Verwandte: Wildlupinen sind durch dieselbe Stoffgruppe bitter und giftig. Erst gezielt gezüchtete, alkaloidarme Süßlupinen wurden ab Ende der 1920er-Jahre zu Futter und Lebensmittel.

Was im Körper passiert

Cytisin ist dem Nikotin chemisch verwandt und bindet an dieselben nikotinischen Acetylcholinrezeptoren – in Nervenknoten, an der Muskulatur und im Gehirn. Zuerst öffnet es die Ionenkanäle und erregt die Zellen. Bleibt es gebunden, werden die Rezeptoren unempfindlich: Die Membran bleibt depolarisiert, Signale kommen nicht mehr an.

Daraus folgt der zweiphasige Verlauf: erst Übererregung, dann Lähmung. Das heftige Erbrechen zu Beginn ist dabei ein eingebauter Schutz. Meist wird ein großer Teil des Giftes ausgeschieden, bevor er aufgenommen ist – schwere Verläufe sind deshalb heute selten.

Typischer Verlauf

  • Cholinerge Phase (15–60 Minuten)
    • starkes, oft wiederholtes Erbrechen
    • Speichelfluss, Schwitzen
    • Muskelzucken
  • Systemische Phase
    • Herzrasen, Blutdruckanstieg
    • Unruhe, Verwirrtheit, Krampfanfälle
  • Schwere Verläufe
    • aufsteigende Muskellähmung
    • Atemlähmung
Bis zum Molekül: Cytisin und Nikotin besetzen denselben Rezeptor – das eine aus einem Zierbaum, das andere aus einer Kulturpflanze. Dieselbe Bindungsstelle erklärt Vergiftung und Medikament zugleich. Zum Virginischen Tabak →

Die Geschichte dahinter

Seit den 1960er-Jahren wird Cytisin in Osteuropa als Mittel zur Rauchentwöhnung eingesetzt. Die Idee dahinter ist elegant: Cytisin besetzt denselben Rezeptor wie Nikotin, aktiviert ihn aber schwächer. Das Verlangen nach der Zigarette sinkt, und Nikotin kann gleichzeitig schlechter andocken.

Später diente das Molekülgerüst des Cytisins als Vorbild für Vareniclin, einen weiteren Wirkstoff zur Rauchentwöhnung. Aus dem Gift eines Zierbaums wurde so eine ganze Arzneistoffklasse.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Pérez EG, Méndez-Gálvez C, Cassels BK: Cytisine: a natural product lead for the development of drugs acting at nicotinic acetylcholine receptors. Natural Product Reports 2012; 29: 555–67.
  2. Tutka P, Zatoński W: Cytisine for the treatment of nicotine addiction: from a molecule to therapeutic efficacy. Pharmacological Reports 2006; 58: 777–98.
  3. Coe JW et al.: Varenicline: an α4β2 nicotinic receptor partial agonist for smoking cessation. Journal of Medicinal Chemistry 2005; 48: 3474–77.
  4. Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.

Kurzprofil aus dem Buchprojekt Heimische Giftpflanzen. Mengenangaben, Zubereitung und Behandlung sind bewusst nicht enthalten.