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★★★☆☆  Grad 3 · giftigRosengewächse · Rosaceae

Kirschlorbeer

Prunus laurocerasus L.

Die immergrüne Hecke in unzähligen Gärten. Zerreibt man ein Blatt, riecht es nach Bittermandel: Das ist Blausäure, die gerade entsteht.

KirschlorbeerKirschlorbeer
Ledrige, glänzende Blätter mit reifen, schwarzen Steinfrüchten. Hortus medicus, Botanischer Garten Rombergpark Dortmund.

Toxikologisches Profil

STOFFKLASSECyanogene Glykoside
HAUPTTOXINPrunasin (Blätter) · Amygdalin (Samen)
WIRKTYPZellatmungsgift | Blausäure hemmt die Cytochrom-c-Oxidase (Komplex IV)
Giftige TeileBlätter und Samen; das Fruchtfleisch enthält nur wenig
BlüteApril bis Mai
FruchtreifeAugust bis September
HerkunftSüdosteuropa und Kleinasien; bei uns Heckenpflanze, zunehmend verwildert
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Anfragen beim Giftnotruf – so oft wurde das Giftinformationszentrum Erfurt von 2010 bis 2019 wegen den Kirschlorbeer angerufen. 83,3 % der Fälle verliefen ohne Beschwerden, bei 3 (0,7 %) traten mittelschwere oder schwere Beschwerden auf. Wie häufig sind Vergiftungen? →

Botanisches Profil

Immergrüner Strauch mit großen, ledrigen, glänzend dunkelgrünen Blättern, länglich und meist ganzrandig. Am Grund der Blattunterseite sitzen zwei bis vier kleine Drüsen. Weiße, duftende Blüten in aufrechten Trauben. Die Steinfrüchte sind erst rot, reif glänzend schwarz.

MerkmalKirschlorbeerEchter Lorbeer
Blättergroß, bis 20 cm, mit Drüsen am Grundkleiner, mit welligem Rand, ohne Drüsen
Geruch beim ZerreibenBittermandelwürzig, Gewürzlorbeer
Fruchtschwarze Steinfrucht in Traubenschwarze Beere, einzeln oder zu wenigen

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Kirschlorbeer arbeitet mit einer chemischen Zeitbombe: Glykosid und spaltendes Enzym liegen in verschiedenen Zellbereichen. Erst wenn ein Fraßfeind das Blatt zerkaut, treffen sie aufeinander und Blausäure entsteht. Die Früchte dagegen fressen Amseln und Drosseln. Sie verbreiten die Samen in Wälder, wo sich der Kirschlorbeer als invasive Art zunehmend ausbreitet. Aus diesem Grund, nicht wegen seiner Giftigkeit, darf er in der Schweiz seit 2024 nicht mehr verkauft werden.

Vom Molekül zum Symptom

In der unverletzten Pflanze ist das Gift harmlos gebunden: Prunasin liegt in anderen Zellbereichen als die Enzyme, die es spalten. Wird das Gewebe zerkaut, treffen beide aufeinander. Erst wird der Zucker abgespalten, dann zerfällt das Molekül in Benzaldehyd, der nach Bittermandel riecht, und Blausäure.

Blausäure bindet an das Eisen der Cytochrom-c-Oxidase, des letzten Enzyms der Atmungskette in den Mitochondrien. Die Zellen können Sauerstoff dann nicht mehr verwerten, obwohl genug im Blut ist. Am empfindlichsten reagieren Gehirn und Herz.

Klinisches Bild

  • Nach Früchten
    • meist keine oder nur leichte Magen-Darm-Beschwerden
  • Nach zerkauten Samen oder Blättern
    • Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit
    • Atemnot, Herzrasen
    • bei großen Mengen Krämpfe und Bewusstlosigkeit

Vom Gift zum Medikament

Bis zum Molekül: Das Gegenmittel bei Blausäurevergiftungen ist eine Vorstufe von Vitamin B12. Hydroxocobalamin bindet Cyanid fest und wird zu Cyanocobalamin, das über die Niere ausgeschieden wird. Mehr zu cyanogenen Glykosiden.

Die Geschichte dahinter

Bis ins 20. Jahrhundert stand Kirschlorbeerwasser, Aqua Laurocerasi, in den Apotheken. Es enthielt geringe Mengen Blausäure und wurde als Beruhigungs- und Hustenmittel verwendet, ein Arzneimittel, dessen Wirkstoff ein Zellgift war.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Vetter J: Plant cyanogenic glycosides. Toxicon 2000; 38: 11–36.
  2. Borron SW, Baud FJ, Barriot P, Imbert M, Bismuth C: Prospective study of hydroxocobalamin for acute cyanide poisoning in smoke inhalation. Annals of Emergency Medicine 2007; 49: 794–801.
  3. Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.

Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.