Kirschlorbeer
Die immergrüne Hecke in unzähligen Gärten. Zerreibt man ein Blatt, riecht es nach Bittermandel: Das ist Blausäure, die gerade entsteht.

Toxikologisches Profil
| STOFFKLASSE | Cyanogene Glykoside |
|---|---|
| HAUPTTOXIN | Prunasin (Blätter) · Amygdalin (Samen) |
| WIRKTYP | Zellatmungsgift | Blausäure hemmt die Cytochrom-c-Oxidase (Komplex IV) |
| Giftige Teile | Blätter und Samen; das Fruchtfleisch enthält nur wenig |
|---|---|
| Blüte | April bis Mai |
| Fruchtreife | August bis September |
| Herkunft | Südosteuropa und Kleinasien; bei uns Heckenpflanze, zunehmend verwildert |
Botanisches Profil
Immergrüner Strauch mit großen, ledrigen, glänzend dunkelgrünen Blättern, länglich und meist ganzrandig. Am Grund der Blattunterseite sitzen zwei bis vier kleine Drüsen. Weiße, duftende Blüten in aufrechten Trauben. Die Steinfrüchte sind erst rot, reif glänzend schwarz.
| Merkmal | Kirschlorbeer | Echter Lorbeer |
|---|---|---|
| Blätter | groß, bis 20 cm, mit Drüsen am Grund | kleiner, mit welligem Rand, ohne Drüsen |
| Geruch beim Zerreiben | Bittermandel | würzig, Gewürzlorbeer |
| Frucht | schwarze Steinfrucht in Trauben | schwarze Beere, einzeln oder zu wenigen |


Fotos: Benjamin Varbelow
Wozu die Pflanze das Gift hat
Kirschlorbeer arbeitet mit einer chemischen Zeitbombe: Glykosid und spaltendes Enzym liegen in verschiedenen Zellbereichen. Erst wenn ein Fraßfeind das Blatt zerkaut, treffen sie aufeinander und Blausäure entsteht. Die Früchte dagegen fressen Amseln und Drosseln. Sie verbreiten die Samen in Wälder, wo sich der Kirschlorbeer als invasive Art zunehmend ausbreitet. Aus diesem Grund, nicht wegen seiner Giftigkeit, darf er in der Schweiz seit 2024 nicht mehr verkauft werden.
Vom Molekül zum Symptom
In der unverletzten Pflanze ist das Gift harmlos gebunden: Prunasin liegt in anderen Zellbereichen als die Enzyme, die es spalten. Wird das Gewebe zerkaut, treffen beide aufeinander. Erst wird der Zucker abgespalten, dann zerfällt das Molekül in Benzaldehyd, der nach Bittermandel riecht, und Blausäure.
Blausäure bindet an das Eisen der Cytochrom-c-Oxidase, des letzten Enzyms der Atmungskette in den Mitochondrien. Die Zellen können Sauerstoff dann nicht mehr verwerten, obwohl genug im Blut ist. Am empfindlichsten reagieren Gehirn und Herz.
Klinisches Bild
- Nach Früchten
- meist keine oder nur leichte Magen-Darm-Beschwerden
- Nach zerkauten Samen oder Blättern
- Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit
- Atemnot, Herzrasen
- bei großen Mengen Krämpfe und Bewusstlosigkeit
Vom Gift zum Medikament
Die Geschichte dahinter
Bis ins 20. Jahrhundert stand Kirschlorbeerwasser, Aqua Laurocerasi, in den Apotheken. Es enthielt geringe Mengen Blausäure und wurde als Beruhigungs- und Hustenmittel verwendet, ein Arzneimittel, dessen Wirkstoff ein Zellgift war.
Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.
Quellen
- Vetter J: Plant cyanogenic glycosides. Toxicon 2000; 38: 11–36.
- Borron SW, Baud FJ, Barriot P, Imbert M, Bismuth C: Prospective study of hydroxocobalamin for acute cyanide poisoning in smoke inhalation. Annals of Emergency Medicine 2007; 49: 794–801.
- Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.
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