Roter Fingerhut
Hohe Trauben aus glockenförmigen Blüten an Waldlichtungen und in Gärten. Alle Teile enthalten Herzglykoside. Im ersten Jahr wird die Blattrosette mit Beinwell verwechselt.

Toxikologisches Profil
| STOFFKLASSE | Herzglykoside (Cardenolide) |
|---|---|
| HAUPTTOXIN | Digitoxin · Gitoxin |
| WIRKTYP | Cardiotoxin | Na⁺/K⁺-ATPase-Inhibition (Cardenolid) |
| Giftige Teile | alle, besonders die Blätter |
|---|---|
| Blüte | Juni bis August |
| Standort | Waldlichtungen und Kahlschläge auf saurem Boden; häufig in Gärten |
Botanisches Profil
Zweijährige Staude: im ersten Jahr nur eine Rosette aus großen, eiförmigen, unterseits filzigen Blättern, im zweiten ein bis zu 1,5 Meter hoher Blütenstand. Die glockenförmigen Blüten hängen einseitig, purpurn, innen weiß umrandet gepunktet. Gartenformen blühen auch weiß, rosa oder apricot.
| Merkmal | Roter Fingerhut | Echter Beinwell |
|---|---|---|
| Blätter | weich, unterseits filzig, Rand gekerbt | rau, borstig behaart, ganzrandig |
| Stängel | rund, nicht geflügelt | geflügelt durch herablaufende Blätter |
| Blüte | große Glocken in einseitiger Traube | kleine, nickende Röhren in Wickeln |


Fotos: Benjamin Varbelow
Wozu die Pflanze das Gift hat
Die Herzglykoside schützen den Fingerhut vor Fraß, Weidetiere lassen ihn stehen. Die Blüten sind auf Hummeln zugeschnitten: Die gepunktete Unterlippe dient als Landeplatz und Wegweiser zum Nektar, die Haare im Inneren halten kleinere Insekten fern.
Vom Molekül zum Symptom
Die Herzglykoside hemmen die Natrium-Kalium-ATPase der Herzmuskelzelle. Natrium sammelt sich in der Zelle, der Natrium-Calcium-Austauscher arbeitet schlechter, und mehr Calcium bleibt in der Zelle. In niedriger Dosis schlägt das Herz dadurch kräftiger. Zusätzlich verstärken die Glykoside den Vagusnerv und bremsen so den Herzschlag.
In höherer Dosis überwiegt der Schaden: Die Zellen werden übererregbar, es entstehen Rhythmusstörungen. Das berühmte Gelbsehen entsteht, weil dieselbe Ionenpumpe auch in der Netzhaut arbeitet.
Klinisches Bild
- Magen-Darm
- Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit
- Herz
- verlangsamter oder unregelmäßiger Herzschlag
- Herzrhythmusstörungen
- Nervensystem und Augen
- Verwirrtheit, Müdigkeit
- Gelb- oder Grünsehen, Lichthöfe
Vom Gift zum Medikament
Die Geschichte dahinter
1785 veröffentlichte der englische Arzt William Withering seine Beobachtungen an über 150 Patienten mit Wassersucht, die er mit Fingerhutblättern behandelt hatte. Er hatte das Mittel einer Kräuterkundigen abgeschaut, beschrieb sorgfältig Dosis und Nebenwirkungen und schuf damit eine der ersten klinischen Studien der Medizingeschichte.
Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.
Quellen
- Withering W: An Account of the Foxglove and some of its Medical Uses. Birmingham 1785.
- Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
- Wendt S, Lübbert C, Begemann K, Prasa D, Franke H: Vergiftungen durch Pflanzen. Deutsches Ärzteblatt International 2022; 119: 317–24.
Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.
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