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★★★★☆  Grad 4 · stark giftigWegerichgewächse · Plantaginaceae

Roter Fingerhut

Digitalis purpurea L.

Hohe Trauben aus glockenförmigen Blüten an Waldlichtungen und in Gärten. Alle Teile enthalten Herzglykoside. Im ersten Jahr wird die Blattrosette mit Beinwell verwechselt.

Roter FingerhutRoter Fingerhut
Fingerhüte mit apricotfarbenen Blüten, eine Gartenform, im Staudenbeet. Botanischer Garten der Ruhr-Universität Bochum.

Toxikologisches Profil

STOFFKLASSEHerzglykoside (Cardenolide)
HAUPTTOXINDigitoxin · Gitoxin
WIRKTYPCardiotoxin | Na⁺/K⁺-ATPase-Inhibition (Cardenolid)
Giftige Teilealle, besonders die Blätter
BlüteJuni bis August
StandortWaldlichtungen und Kahlschläge auf saurem Boden; häufig in Gärten

Botanisches Profil

Zweijährige Staude: im ersten Jahr nur eine Rosette aus großen, eiförmigen, unterseits filzigen Blättern, im zweiten ein bis zu 1,5 Meter hoher Blütenstand. Die glockenförmigen Blüten hängen einseitig, purpurn, innen weiß umrandet gepunktet. Gartenformen blühen auch weiß, rosa oder apricot.

MerkmalRoter FingerhutEchter Beinwell
Blätterweich, unterseits filzig, Rand gekerbtrau, borstig behaart, ganzrandig
Stängelrund, nicht geflügeltgeflügelt durch herablaufende Blätter
Blütegroße Glocken in einseitiger Traubekleine, nickende Röhren in Wickeln

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Die Herzglykoside schützen den Fingerhut vor Fraß, Weidetiere lassen ihn stehen. Die Blüten sind auf Hummeln zugeschnitten: Die gepunktete Unterlippe dient als Landeplatz und Wegweiser zum Nektar, die Haare im Inneren halten kleinere Insekten fern.

Vom Molekül zum Symptom

Die Herzglykoside hemmen die Natrium-Kalium-ATPase der Herzmuskelzelle. Natrium sammelt sich in der Zelle, der Natrium-Calcium-Austauscher arbeitet schlechter, und mehr Calcium bleibt in der Zelle. In niedriger Dosis schlägt das Herz dadurch kräftiger. Zusätzlich verstärken die Glykoside den Vagusnerv und bremsen so den Herzschlag.

In höherer Dosis überwiegt der Schaden: Die Zellen werden übererregbar, es entstehen Rhythmusstörungen. Das berühmte Gelbsehen entsteht, weil dieselbe Ionenpumpe auch in der Netzhaut arbeitet.

Klinisches Bild

  • Magen-Darm
    • Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit
  • Herz
    • verlangsamter oder unregelmäßiger Herzschlag
    • Herzrhythmusstörungen
  • Nervensystem und Augen
    • Verwirrtheit, Müdigkeit
    • Gelb- oder Grünsehen, Lichthöfe

Vom Gift zum Medikament

Bis zum Molekül: Digoxin, eines der ältesten noch verwendeten Herzmedikamente, wird aus dem Wolligen Fingerhut (Digitalis lanata) gewonnen. Bei schweren Vergiftungen gibt es ein Gegenmittel: Antikörperfragmente, die Digoxin und verwandte Glykoside abfangen. Dieselbe Ionenpumpe beim Maiglöckchen.

Die Geschichte dahinter

1785 veröffentlichte der englische Arzt William Withering seine Beobachtungen an über 150 Patienten mit Wassersucht, die er mit Fingerhutblättern behandelt hatte. Er hatte das Mittel einer Kräuterkundigen abgeschaut, beschrieb sorgfältig Dosis und Nebenwirkungen und schuf damit eine der ersten klinischen Studien der Medizingeschichte.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Withering W: An Account of the Foxglove and some of its Medical Uses. Birmingham 1785.
  2. Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
  3. Wendt S, Lübbert C, Begemann K, Prasa D, Franke H: Vergiftungen durch Pflanzen. Deutsches Ärzteblatt International 2022; 119: 317–24.

Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.