← Lexikon

★★☆☆☆  Grad 2 · mäßig giftigSpargelgewächse · Asparagaceae

Vielblütige Weißwurz

Polygonatum multiflorum (L.) All.

Auch Salomonssiegel genannt. Ein bogig überhängender Stängel, darunter hängen erst weiße Glöckchen, im Herbst blauschwarze Beeren.

Vielblütige WeißwurzVielblütige Weißwurz
Bogig überhängender Stängel mit wechselständigen Blättern, darunter hängende, blauschwarze Beeren. Botanischer Garten Rombergpark Dortmund.

Toxikologisches Profil

STOFFKLASSESaponine (Steroid-Typ)
HAUPTTOXINSteroidsaponine
WIRKTYPMembrantoxin | Schleimhautreizung im Magen-Darm-Trakt
Giftige Teilealle, besonders die Beeren
BlüteMai bis Juni
FruchtreifeAugust bis September
Standortschattige Laubwälder und Gebüsche; in Gärten
31
Anfragen beim Giftnotruf – so oft wurde das Giftinformationszentrum Erfurt von 2010 bis 2019 wegen die Gattung Weißwurz angerufen. 74,2 % der Fälle verliefen ohne Beschwerden, mittelschwere oder schwere Verläufe gab es keine. Wie häufig sind Vergiftungen? →

Botanisches Profil

Bis 80 Zentimeter hohe Staude mit bogig überhängendem, rundem Stängel. Die eiförmigen Blätter stehen wechselständig in zwei Zeilen. In den Blattachseln hängen zu zweit bis fünft weiße, röhrige Glockenblüten mit grüner Spitze, später blauschwarze, bereifte Beeren.

MerkmalVielblütige WeißwurzMaiglöckchen
Stängellang, bogig überhängend, beblättertkurz, blattlos, aufrecht
Blütenröhrig, unter dem Stängel in den Blattachselnglockig, in einseitiger Traube
Beerenblauschwarzrot

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Die Blüten hängen wie kleine Glocken unter dem Stängel, gut geschützt vor Regen, und werden von Hummeln bestäubt. Die blauschwarzen Beeren fressen Vögel. Der Wurzelstock zeigt jedes Jahr eine neue Narbe, die an ein Siegel erinnert, daher der Name Salomonssiegel.

Vom Molekül zum Symptom

Die Steroidsaponine lagern sich wie andere Saponine an das Cholesterin der Zellmembran und machen sie durchlässig. Sie werden aus dem Darm kaum aufgenommen und reizen vor allem die Schleimhaut von Magen und Darm.

Ältere Angaben, die Weißwurz enthalte Herzglykoside wie das verwandte Maiglöckchen, haben sich nicht bestätigt. Schwere Vergiftungen sind nicht bekannt.

Klinisches Bild

  • Magen-Darm
    • Übelkeit, Erbrechen, Durchfall

Die Geschichte dahinter

Die Weißwurz gehört wie das Maiglöckchen zu den Spargelgewächsen. Ihre jungen Sprosse sehen Spargel ähnlich und werden deshalb immer wieder gesammelt, ein Grund für Vergiftungen.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
  2. Wendt S, Lübbert C, Begemann K, Prasa D, Franke H: Vergiftungen durch Pflanzen. Deutsches Ärzteblatt International 2022; 119: 317–24.

Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.