Gewöhnliche Waldrebe
Eine heimische Liane, die sich bis in die Baumkronen rankt. Im Herbst und Winter fallen ihre silbrig-fedrigen Fruchtstände auf. Ihr Gift entsteht erst, wenn die Pflanze verletzt wird.

Toxikologisches Profil
| STOFFKLASSE | Lactone (aus dem Glykosid Ranunculin) |
|---|---|
| HAUPTTOXIN | Protoanemonin |
| WIRKTYP | Reizstoff | Reaktion mit Thiolgruppen von Eiweißen → Haut- und Schleimhautschäden |
| Giftige Teile | alle frischen Teile |
|---|---|
| Blüte | Juni bis September |
| Fruchtstände | September bis in den Winter |
| Standort | Waldränder, Auwälder, Hecken, oft auf kalkhaltigem Boden |
Botanisches Profil
Verholzende Kletterpflanze, die sich mit den Stielen ihrer gegenständigen, gefiederten Blätter festhält. Meist fünf eiförmige Fiederblättchen. Kleine, cremeweiße, duftende Blüten in Rispen. Danach kugelige Fruchtstände aus vielen Nüsschen mit langen, fedrig behaarten Griffeln.

Fotos: Benjamin Varbelow
Wozu die Pflanze das Gift hat
Das Gift ist eine Notfallverteidigung: Es entsteht erst, wenn ein Tier zubeißt, und genau dort, wo die Pflanze verletzt wird. Ihre Samen verbreitet die Waldrebe ganz ohne Tiere: Die fedrigen Griffel tragen die Nüsschen mit dem Wind davon.
Vom Molekül zum Symptom
In der unverletzten Pflanze liegt das Gift als harmlose Vorstufe vor, als Glykosid Ranunculin. Erst wenn Gewebe verletzt wird, spaltet ein Enzym den Zucker ab, und es entsteht das flüchtige, scharfe Protoanemonin. Es reagiert mit den Schwefelgruppen von Eiweißen und schädigt Haut und Schleimhaut direkt, je nach Kontaktdauer bis zur Blasenbildung.
Beim Trocknen verbinden sich je zwei Moleküle Protoanemonin zu Anemonin, das kaum noch reizt. Deshalb ist getrocknete Waldrebe im Heu weitgehend harmlos, dasselbe gilt für Hahnenfuß.
Klinisches Bild
- Haut
- Rötung, Brennen und Blasen nach Kontakt mit dem frischen Saft
- Mund und Magen-Darm
- Brennen im Mund, Speichelfluss
- Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Koliken
- Bei größeren Mengen
- Reizung von Nieren und Harnwegen möglich
Die Geschichte dahinter
Im Französischen heißt die Waldrebe herbe aux gueux, Kraut der Bettler. Der Überlieferung nach rieben sich Bettler den frischen Saft auf die Haut, um mit den entstehenden Wunden Mitleid zu erregen.
Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.
Quellen
- Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
- Roth L, Daunderer M, Kormann K: Giftpflanzen – Pflanzengifte. Nikol Verlagsgesellschaft Hamburg.
Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.
Weitere Einträge

Gewöhnlicher Liguster
Die Heckenpflanze schlechthin, im Herbst mit glänzend schwarzen Beeren. Nach der Eibe die Pflanze, zu der der Giftnotruf am häufigsten angerufen wird.

Gewöhnlicher Wasserdost
Rosa Blütenstände, umschwärmt von Schmetterlingen. Er enthält dieselbe Giftgruppe wie das Jakobs-Greiskraut.

Italienischer Aronstab
Leuchtend rote Beerenkolben im Herbst. Winzige Kristallnadeln brennen sofort im Mund.