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★★☆☆☆  Grad 2 · mäßig giftigNachtschattengewächse · Solanaceae

Bittersüßer Nachtschatten

Solanum dulcamara L.

Ein kletternder Halbstrauch an Ufern, Hecken und Zäunen. Im Herbst hängen grüne, gelbe und rote Beeren gleichzeitig am selben Fruchtstand. Unreif sind sie am giftigsten.

Bittersüßer NachtschattenBittersüßer Nachtschatten
Grüne, gelbe und rote Beeren am selben Fruchtstand. Botanischer Garten der Ruhr-Universität Bochum.

Toxikologisches Profil

STOFFKLASSEAlkaloide (Steroid-Typ, an Zucker gebunden)
HAUPTTOXINSolasonin · Solamargin
WIRKTYPMembrantoxin | Komplexbildung mit Cholesterin → Schleimhautreizung
Giftige Teilealle, besonders unreife Beeren und Blätter
BlüteJuni bis August
FruchtreifeAugust bis Oktober
StandortUfer, Auwälder, feuchte Gebüsche, Hecken
30
Anfragen beim Giftnotruf – so oft wurde das Giftinformationszentrum Erfurt von 2010 bis 2019 wegen den Bittersüßen Nachtschatten angerufen. 90,0 % der Fälle verliefen ohne Beschwerden, bei 1 (3,3 %) traten mittelschwere oder schwere Beschwerden auf. Wie häufig sind Vergiftungen? →

Botanisches Profil

Bis zu zwei Meter langer, kletternder oder niederliegender Halbstrauch, unten verholzt. Die Blätter sind eiförmig, oft mit zwei kleinen Lappen am Grund. Violette Blüten mit zurückgeschlagenen Kronzipfeln und einem gelben Kegel aus Staubbeuteln, die typische Nachtschattenblüte. Die Beeren sind eiförmig, erst grün, dann gelb bis orange, reif glänzend scharlachrot. Der Name beschreibt den Geschmack der Stängel: bitter und süß zugleich.

MerkmalBittersüßer NachtschattenRote Johannisbeere
Wuchskletternd oder niederliegendaufrechter Strauch
Beereneiförmig, glänzend, in lockeren, verzweigten Ständenkugelig, durchscheinend, in hängenden Trauben
Blüteviolett mit gelbem Kegelunscheinbar grünlich

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Die Beeren sind für Vögel gemacht: Drosseln und andere Singvögel fressen sie und verbreiten die Samen. Unreif enthalten sie am meisten Glykoalkaloide, ein Schutz, solange die Samen noch nicht keimfähig sind. Mit der Reife sinkt der Gehalt, Farbe und Zucker steigen. Die Pflanze lädt erst ein, wenn es sich für sie lohnt.

Vom Molekül zum Symptom

Glykoalkaloide sind ähnlich gebaut wie Saponine: ein stickstoffhaltiges Steroidgerüst und eine Zuckerkette. Sie lagern sich an das Cholesterin der Zellmembran und machen sie durchlässig. Im Magen-Darm-Trakt reizt das die Schleimhaut.

Einige Glykoalkaloide aus Nachtschattengewächsen hemmen außerdem schwach die Cholinesterasen, also die Enzyme, die den Botenstoff Acetylcholin abbauen. Das gilt als mögliche Erklärung für die selteneren nervösen Beschwerden. Mit der Reife sinkt der Alkaloidgehalt der Beeren, dasselbe Prinzip wie bei grünen Tomaten und ergrünten Kartoffeln.

Klinisches Bild

  • Nach einigen Stunden
    • Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Durchfall
  • Selten, bei größeren Mengen
    • Kopfschmerzen, Benommenheit
    • beschleunigter Puls

Vom Gift zum Medikament

Bis zum Molekül: Getrocknete Stängel wurden als Bittersüßstängel in der Pflanzenheilkunde verwendet, unterstützend bei chronischen Hautekzemen. Das Steroidgerüst der Alkaloide hat noch eine zweite Karriere gemacht: Solasodin aus Nachtschatten-Arten diente als Ausgangsstoff für die Herstellung von Steroidhormonen.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Milner SE et al.: Bioactivities of glycoalkaloids and their aglycones from Solanum species. Journal of Agricultural and Food Chemistry 2011; 59: 3454–84.
  2. Kommission E: Monographie Dulcamarae stipites (Bittersüßstängel). Bundesanzeiger 1990.
  3. Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.

Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.