Bittersüßer Nachtschatten
Ein kletternder Halbstrauch an Ufern, Hecken und Zäunen. Im Herbst hängen grüne, gelbe und rote Beeren gleichzeitig am selben Fruchtstand. Unreif sind sie am giftigsten.

Toxikologisches Profil
| STOFFKLASSE | Alkaloide (Steroid-Typ, an Zucker gebunden) |
|---|---|
| HAUPTTOXIN | Solasonin · Solamargin |
| WIRKTYP | Membrantoxin | Komplexbildung mit Cholesterin → Schleimhautreizung |
| Giftige Teile | alle, besonders unreife Beeren und Blätter |
|---|---|
| Blüte | Juni bis August |
| Fruchtreife | August bis Oktober |
| Standort | Ufer, Auwälder, feuchte Gebüsche, Hecken |
Botanisches Profil
Bis zu zwei Meter langer, kletternder oder niederliegender Halbstrauch, unten verholzt. Die Blätter sind eiförmig, oft mit zwei kleinen Lappen am Grund. Violette Blüten mit zurückgeschlagenen Kronzipfeln und einem gelben Kegel aus Staubbeuteln, die typische Nachtschattenblüte. Die Beeren sind eiförmig, erst grün, dann gelb bis orange, reif glänzend scharlachrot. Der Name beschreibt den Geschmack der Stängel: bitter und süß zugleich.
| Merkmal | Bittersüßer Nachtschatten | Rote Johannisbeere |
|---|---|---|
| Wuchs | kletternd oder niederliegend | aufrechter Strauch |
| Beeren | eiförmig, glänzend, in lockeren, verzweigten Ständen | kugelig, durchscheinend, in hängenden Trauben |
| Blüte | violett mit gelbem Kegel | unscheinbar grünlich |

Fotos: Benjamin Varbelow
Wozu die Pflanze das Gift hat
Die Beeren sind für Vögel gemacht: Drosseln und andere Singvögel fressen sie und verbreiten die Samen. Unreif enthalten sie am meisten Glykoalkaloide, ein Schutz, solange die Samen noch nicht keimfähig sind. Mit der Reife sinkt der Gehalt, Farbe und Zucker steigen. Die Pflanze lädt erst ein, wenn es sich für sie lohnt.
Vom Molekül zum Symptom
Glykoalkaloide sind ähnlich gebaut wie Saponine: ein stickstoffhaltiges Steroidgerüst und eine Zuckerkette. Sie lagern sich an das Cholesterin der Zellmembran und machen sie durchlässig. Im Magen-Darm-Trakt reizt das die Schleimhaut.
Einige Glykoalkaloide aus Nachtschattengewächsen hemmen außerdem schwach die Cholinesterasen, also die Enzyme, die den Botenstoff Acetylcholin abbauen. Das gilt als mögliche Erklärung für die selteneren nervösen Beschwerden. Mit der Reife sinkt der Alkaloidgehalt der Beeren, dasselbe Prinzip wie bei grünen Tomaten und ergrünten Kartoffeln.
Klinisches Bild
- Nach einigen Stunden
- Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Durchfall
- Selten, bei größeren Mengen
- Kopfschmerzen, Benommenheit
- beschleunigter Puls
Vom Gift zum Medikament
Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.
Quellen
- Milner SE et al.: Bioactivities of glycoalkaloids and their aglycones from Solanum species. Journal of Agricultural and Food Chemistry 2011; 59: 3454–84.
- Kommission E: Monographie Dulcamarae stipites (Bittersüßstängel). Bundesanzeiger 1990.
- Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.
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