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★★★☆☆  Grad 3 · giftigHundsgiftgewächse · Apocynaceae

Weiße Schwalbenwurz

Vincetoxicum hirundinaria Medik.

Eine unauffällige Staude sonniger Kalkhänge mit kleinen, weißen Sternblüten und schotenartigen Früchten. Ihre Inhaltsstoffe sind erstaunlich wenig untersucht.

Weiße SchwalbenwurzWeiße Schwalbenwurz
Kleine, weiße, sternförmige Blüten mit gelblicher Mitte. Hortus medicus, Botanischer Garten Rombergpark Dortmund.

Toxikologisches Profil

STOFFKLASSESteroidglykoside; Alkaloide (Phenanthroindolizidin-Typ)
HAUPTTOXINVincetoxin (Glykosid-Gemisch) · Antofin
WIRKTYPReizstoff · Cytotoxin | Magen-Darm-Reizung; Hemmung der Proteinbiosynthese im Labor
Giftige Teilealle, besonders der Wurzelstock
BlüteMai bis August
Standortsonnige, trockene Hänge, lichte Wälder und Felsen, meist auf Kalk

Botanisches Profil

Ausdauernde Staude, 30 bis 120 cm hoch, mit aufrechten, unverzweigten Stängeln. Die Blätter stehen gegenständig, sind herz-eiförmig und zugespitzt. Kleine, weiße bis gelblich-weiße Sternblüten in Büscheln in den Blattachseln. Die Früchte sind spindelförmige Balgfrüchte, vier bis sechs Zentimeter lang, mit Samen, die einen seidigen Haarschopf tragen.

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Die Blüten arbeiten mit einem Klemmmechanismus: Der Pollen ist zu kleinen Paketen verklebt, den Pollinien, die sich wie Klammern an den Beinen besuchender Insekten festsetzen. Die Samen tragen einen seidigen Haarschopf und fliegen mit dem Wind davon.

Vom Molekül zum Symptom

Unter dem alten Namen Vincetoxin wurde ein Gemisch von Steroidglykosiden zusammengefasst, die die Schleimhaut von Magen und Darm reizen. Daneben enthält die Schwalbenwurz Phenanthroindolizidin-Alkaloide wie Antofin. Im Labor hemmen sie die Proteinbiosynthese und töten Zellen schon in sehr geringer Konzentration ab.

Welchen Anteil die einzelnen Stoffe an einer Vergiftung haben, ist kaum untersucht. Ehrlich gesagt: Für eine so verbreitete Pflanze wissen wir erstaunlich wenig.

Klinisches Bild

  • Magen-Darm
    • Übelkeit, Erbrechen, Durchfall
  • Bei größeren Mengen
    • Kreislaufbeschwerden
  • Hinweis
    • Vergiftungen beim Menschen sind selten beschrieben, eher bei Weidetieren

Vom Gift zum Medikament

Bis zum Molekül: Verwandte Alkaloide aus der indischen Kletterpflanze Tylophora werden als Wirkstoffe gegen Krebs und Entzündungen erforscht. Zugelassen ist bisher keiner.

Die Geschichte dahinter

Vincetoxicum bedeutet „Giftbesiegerin“. Im Mittelalter galt die Wurzel als Gegengift gegen Schlangenbisse und Vergiftungen. Eine giftige Pflanze als Gegengift: Daran zeigt sich, wie die Medizin früher oft funktionierte.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
  2. Rothmaler W (Begr.): Exkursionsflora von Deutschland. Gefäßpflanzen: Atlasband. 14. Auflage, Springer Spektrum 2025.

Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.