← Lexikon

★★☆☆☆  Grad 2 · mäßig giftigStechpalmengewächse · Aquifoliaceae

Europäische Stechpalme

Ilex aquifolium L.

Immergrün, stachelig, mit leuchtend roten Früchten bis in den Winter und als Weihnachtsschmuck beliebt. Im Herbst gehört sie zu den Pflanzen, wegen derer bei Giftinformationszentren häufig angerufen wird.

Europäische StechpalmeEuropäische Stechpalme
Stachelig gezähnte Blätter mit scharlachroten Steinfrüchten. Botanischer Garten der Ruhr-Universität Bochum.

Toxikologisches Profil

STOFFKLASSESaponine (Triterpen-Typ)
HAUPTTOXINTriterpensaponine
WIRKTYPMembrantoxin | Schleimhautreizung im Magen-Darm-Trakt
Giftige TeileFrüchte und Blätter
BlüteMai bis Juni
Fruchtreifeab Oktober, oft bis ins Frühjahr am Strauch
Besonderheitzweihäusig: nur weibliche Pflanzen tragen Früchte
Schutzin Deutschland besonders geschützt
141
Anfragen beim Giftnotruf – so oft wurde das Giftinformationszentrum Erfurt von 2010 bis 2019 wegen die Europäische Stechpalme angerufen. 85,8 % der Fälle verliefen ohne Beschwerden, bei 3 (2,1 %) traten mittelschwere oder schwere Beschwerden auf. Wie häufig sind Vergiftungen? →

Botanisches Profil

Immergrüner Strauch oder kleiner Baum. Die ledrigen, glänzend dunkelgrünen Blätter haben einen welligen, stachelig gezähnten Rand; an älteren Pflanzen sind die oberen Blätter oft ganzrandig. Kleine, weiße, vierzählige Blüten. Die Früchte sind erbsengroße, scharlachrote Steinfrüchte mit meist vier Steinkernen, botanisch also keine Beeren.

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Die Früchte reifen im Herbst, bleiben aber bis weit in den Winter hängen, eine Reserve für Drosseln, wenn andere Nahrung knapp wird. Vögel vertragen die Inhaltsstoffe und verbreiten die Samen. Die Stacheln schützen die Blätter vor Wild: An älteren Pflanzen sind die oberen Blätter, außer Reichweite von Rehen, oft ganzrandig.

Vom Molekül zum Symptom

Die Früchte enthalten Triterpensaponine, die die Schleimhaut von Magen und Darm reizen. Aufgenommen werden sie kaum, deshalb stehen Magen-Darm-Beschwerden im Vordergrund.

Überraschend: Welche Stoffe genau verantwortlich sind, ist für eine so häufige Pflanze schlecht untersucht. Ältere Angaben zu einem Bitterstoff „Ilicin“ sind chemisch kaum belegt.

Klinisches Bild

  • Magen-Darm-Beschwerden
    • Übelkeit, Erbrechen, Durchfall
    • Bauchschmerzen
  • Bei größeren Mengen
    • Benommenheit, Schläfrigkeit

Die Geschichte dahinter

Eine Verwandte hat Weltkarriere gemacht: Aus den Blättern der südamerikanischen Ilex paraguariensis wird Mate-Tee aufgebrüht. Sie enthält Koffein, unsere Stechpalme dagegen nicht nennenswert.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
  2. Obeso JR: The induction of spinescence in European holly leaves by browsing ungulates. Plant Ecology 1997; 129: 149–56.
  3. Wendt S, Lübbert C, Begemann K, Prasa D, Franke H: Vergiftungen durch Pflanzen. Deutsches Ärzteblatt International 2022; 119: 317–24.

Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.