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★★★☆☆  Grad 3 · giftigMohngewächse · Papaveraceae

Schlaf-Mohn

Papaver somniferum L.

Graugrüne Blätter, große Blüten und kugelige Kapseln mit einer sternförmigen Narbenscheibe. Der Milchsaft der unreifen Kapseln enthält Morphin und weitere Opiumalkaloide.

Schlaf-MohnSchlaf-Mohn
Unreife, blaugrüne Kapseln mit sternförmiger Narbenscheibe. Botanischer Garten der Ruhr-Universität Bochum.

Toxikologisches Profil

STOFFKLASSEAlkaloide (Benzylisochinolin-Typ)
HAUPTTOXINMorphin · Codein · Thebain
WIRKTYPNeurotoxin | Aktivierung der µ-Opioidrezeptoren → Atemdepression
Giftige TeileMilchsaft, unreife Kapseln, Stängel und Blätter
Kaum giftigreife Samen, sofern nicht mit Milchsaft verunreinigt
BlüteJuni bis August
HinweisAnbau in Deutschland genehmigungspflichtig

Botanisches Profil

Bis 1,5 Meter hohe, einjährige, graugrün bereifte Pflanze. Die Blätter umfassen den Stängel und sind am Rand unregelmäßig gezähnt. Die Blüten sind groß, weiß, rosa, rot oder violett, oft mit dunklem Fleck am Grund. Die kugelige Kapsel trägt eine flache, sternförmige Narbenscheibe und enthält Tausende kleiner Samen.

Fotos: Benjamin Varbelow

Wozu die Pflanze das Gift hat

Der Milchsaft verklebt bei Verletzung die Wunde und hält Fraßfeinde ab, die Alkaloide machen ihn bitter und giftig. Die reifen Kapseln öffnen sich unter der Narbenscheibe mit kleinen Poren: Der Wind schüttelt die Samen heraus wie aus einem Salzstreuer.

Vom Molekül zum Symptom

Morphin aktiviert die µ-Opioidrezeptoren, die der Körper für seine eigenen Schmerzbotenstoffe, die Endorphine, besitzt. In Rückenmark und Gehirn dämpft das die Schmerzweiterleitung. Gleichzeitig hemmt Morphin aber die Nervenzellen im Hirnstamm, die den Atemrhythmus steuern: Die Atmung wird langsamer und flacher, bis sie aussetzen kann. Daran sterben Menschen bei einer Opioidvergiftung.

Für Opioidvergiftungen gibt es ein wirksames Gegenmittel: Naloxon verdrängt Morphin vom Rezeptor und hebt die Atemdepression innerhalb von Minuten auf.

Klinisches Bild

  • Typische Zeichen
    • Schläfrigkeit bis Bewusstlosigkeit
    • stecknadelkopfgroße Pupillen
    • verlangsamte, flache Atmung
  • Weitere
    • Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung
    • Blutdruckabfall
  • Gefährdet
    • besonders Kleinkinder, schon durch kleine Mengen

Vom Gift zum Medikament

Bis zum Molekül: Morphin ist bis heute das Standardmittel gegen stärkste Schmerzen und steht auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation. Aus dem Milchsaft stammen außerdem Codein gegen Husten und Papaverin, das glatte Muskulatur entspannt. Aus Thebain werden halbsynthetisch weitere Schmerzmittel hergestellt.

Die Geschichte dahinter

1804 isolierte der Paderborner Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner aus Opium einen reinen Wirkstoff und nannte ihn nach Morpheus, dem Gott der Träume. Es war das erste Alkaloid, das je rein dargestellt wurde, und der Beginn der modernen Arzneistoffchemie.

Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.

Quellen

  1. EFSA Panel on Contaminants in the Food Chain: Update of the Scientific Opinion on opium alkaloids in poppy seeds. EFSA Journal 2018; 16: 5243.
  2. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Informationen zu Opiumalkaloiden in Mohnsamen.
  3. Frohne D, Pfänder HJ: Giftpflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.

Kurzfassung eines Profils aus meinem Buch Heimische Giftpflanzen. Im Buch: Notfall-Tabelle in Phasen, Therapie, weitere Fallberichte und alle Arten der Gattung. Mengenangaben und Zubereitungen stehen hier bewusst nicht.