Herbst-Zeitlose
Im Herbst blüht sie blassviolett auf feuchten Wiesen – ganz ohne Blätter. Die kommen erst im Frühjahr, und genau dann wird sie mit Bärlauch verwechselt.

| Hauptgift | Colchicin |
|---|---|
| Stoffklasse | Alkaloide (Tropolon-Typ) |
| Wirktyp | Cytotoxin – hemmt die Tubulin-Polymerisation, Mitosearrest |
| Giftige Teile | alle, besonders Samen und Knolle |
| Blüte | August bis Oktober |
| Standort | feuchte Wiesen, Auen, auch Gärten |
Erkennen
Im Herbst: krokusähnliche, blassviolette Blüte direkt aus dem Boden, ohne Blätter. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal zum Krokus: Die Herbst-Zeitlose hat sechs Staubblätter, der Krokus nur drei.
Im Frühjahr: breite, glänzende, lanzettliche Blätter in einem Büschel, ungestielt und stängelumfassend. Dazwischen sitzt die grüne Fruchtkapsel – Blüte im Herbst, Frucht im Frühjahr.
| Merkmal | Herbst-Zeitlose | Bärlauch |
|---|---|---|
| Blätter | im Büschel, ungestielt, stängelumfassend | einzeln, jedes Blatt mit eigenem Stiel |
| Standort | Wiesen, offen und sonnig | Laub- und Auwälder, schattig |
| Geruch | keiner | Knoblauch – aber unzuverlässig, die Finger riechen nach dem ersten Blatt |
| Im Frühjahr zu sehen | Fruchtkapsel in der Blattmitte | Blütenknospen, ab April weiße Doldenblüten |




Fotos: Benjamin Varbelow
Wozu die Pflanze das Gift hat
Colchicin schützt Knolle, Blätter und Samen vor Fraß. Weidetiere meiden die frische Pflanze meist – getrocknet im Heu verliert sie aber weder ihr Gift noch ihre Wirkung, und dort wird sie gefressen. Die Verteidigung wirkt bei jedem Tier, dessen Zellen sich teilen. Das ist ihr Vorteil – und der Grund, warum sie auch beim Menschen wirkt.
Was im Körper passiert
Colchicin bindet an Tubulin, den Baustein der Mikrotubuli. Ohne funktionierende Mikrotubuli kann die Zelle keinen Spindelapparat bilden – die Zellteilung bleibt in der Metaphase stehen.
Betroffen sind deshalb vor allem Gewebe, die sich ständig erneuern: Darmschleimhaut, Knochenmark, Haarwurzeln. Das erklärt die Reihenfolge der Beschwerden. Und es erklärt die trügerische Pause am Anfang: Der Schaden entsteht in der Zelle, bevor man ihn spürt.
Typischer Verlauf
- Beschwerdefreie Latenz
- mehrere Stunden ohne Symptome – die Betroffenen fühlen sich gesund
- Magen-Darm-Phase
- Brennen in Mund und Rachen
- heftiges Erbrechen, schwere Durchfälle
- starker Flüssigkeitsverlust
- Systemische Phase (Tage)
- Schädigung mehrerer Organe
- Knochenmarkdepression, Infektanfälligkeit
- Haarausfall nach etwa zwei Wochen
Die Geschichte dahinter
Ihr wissenschaftlicher Name verweist auf Kolchis, die Landschaft am Schwarzen Meer, aus der in der griechischen Sage Medea stammt – die berühmteste Giftmischerin der Antike. Gegen Gicht wurden Zubereitungen der Zeitlose schon seit der Antike eingesetzt. Den Wirkstoff Colchicin isolierten Chemiker im 19. Jahrhundert. Er wird bis heute verschrieben: dasselbe Molekül, nur in kontrollierter Dosis.
Im Vergiftungsverdacht nicht abwarten, auch ohne Beschwerden: Giftnotruf Bonn 0228 19240, in Notfällen 112. Pflanze oder Fotos davon mitnehmen.
Quellen
- Wendt S, Lübbert C, Begemann K, Prasa D, Franke H: Vergiftungen durch Pflanzen. Deutsches Ärzteblatt International 2022; 119: 317–24.
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Verbraucherinformationen zur Verwechslung von Bärlauch mit giftigen Pflanzen.
- Finkelstein Y et al.: Colchicine poisoning: the dark side of an ancient drug. Clinical Toxicology 2010; 48: 407–14.
Kurzprofil aus dem Buchprojekt Heimische Giftpflanzen. Mengenangaben, Zubereitung und Behandlung sind bewusst nicht enthalten.
Weitere Einträge

Gewöhnliche Eibe
Die häufigste Pflanze bei Giftnotrufen. Der rote Samenmantel ist harmlos – der Samen darin nicht.

Gewöhnlicher Goldregen
Goldgelbe Blütentrauben im Mai, im Sommer Hülsen wie Erbsenschoten. Sein Gift wurde zum Mittel gegen das Rauchen.

Echte Tollkirsche
Glänzend schwarze Beeren, süßlich im Geschmack. Benannt nach der Schicksalsgöttin, die den Lebensfaden durchschneidet.